„Deutschland braucht Dich“ - Der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Helge Braun an der FTH
(Gießen) Warum bleiben trotz Fachkräftemangel Tausende junger Menschen ohne Ausbildungsplatz? Was ist das Geheimnis der Berliner Rütli-Schule, die vom schulischen Schlachtfeld zum Vorzeigemodell wurde? Wie steht es um die Bildungsrepublik Deutschland und was tut die Politik?
Antworten auf diese Fragen und einen spannenden Einblick in seine Arbeit als Politiker gab Dr. Helge Braun am 4. November in einer Plenumsveranstaltung der Freien Theologischen Hochschule (FTH). Der promovierte Arzt ist seit 2009 Bundestagsabgeordneter für Gießen und einer der beiden Parlamentarischen Staatssekretäre von Bildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan. Braun gab Dozenten und Studierenden der FTH einen Einblick in die Situation der Ausbildung aus der Warte eines Bildungspolitikers.
„Deutschland braucht Dich – Strategien gegen die soziale Selektivität des Bildungssystems in Zeiten des demografischen Wandels“, so der Titel des Vortrags.
Die Herausforderung: Trotz Stellenüberschuss 70.000 ohne Ausbildung
„Jede gute Botschaft ist eigentlich eine langweilige Botschaft.“ Das gelte auch für Bildungspolitik, so Braun.
Gegen drohende Staatspleiten und den zu rettenden Euro sei man mit dem Thema Bildung im eigenen Land in ruhigerem Fahrwasser unterwegs. Herausforderungen? Gibt es trotzdem. Braun: „2009 hatten wir trotz der Wirtschaftskrise zum ersten Mal mehr offene Ausbildungsstellen als Ausbildungsplatzbewerber. Das hat sich im Jahr 2010 und 2011 fortgesetzt.“ Eine gute Nachricht. Aber: Trotzdem blieben 2009 nach Ende der Bewerbungsfristen rund 70.000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz. Bei gleichbleibendem Trend. Warum? Der Bildungspolitiker führte drei Gründe an: Freie Ausbildungsstellen gibt es zwar genug, sie sind aber lokal ungleich verteilt – regional viele Bewerber auf wenig Stellen, aber eben auch umgekehrt. Ein weiterer Grund: Unbequeme und unattraktive Berufe würden gemieden. So wolle beispielsweise niemand Bäcker werden, denn da muss früh aufgestanden werden. Viele Jugendliche bewerben sich auch im Widerspruch zu ihren wirklichen Stärken und Neigungen, so der Politiker. Die Folge: „In den vermeintlich so attraktiven Ausbildungsberufen sind die Ausbildungsabbrecherzahlen am allerhöchsten.“ Als jedoch schwerwiegendsten Grund nannte Braun die von Ausbildern beklagte Unreife vieler Jugendlicher. Neben konkreten fachlichen Problemen – einer Lese-Rechtschreib-Schwäche zum Beispiel – seien es grundsätzliche Motivationsprobleme. Armut, sozialer Abstieg und allgemeine Bildungsferne raubten Jugendlichen jede Perspektive. Wenn Eltern Ihren Kindern eine Grundhaltung vermitteln, dass Bildung sich nicht lohne, wirke sich das fatal auf die Zukunftsperspektive und die Lernmotivation aus.
Der Schlüssel: Charismatische Lehrerpersönlichkeiten
Besteht die Strategie der Politik im ersten Fall darin, Lehrlingswohnheime mit familiärer Atmosphäre für von Zuhause ausgezogene Jugendliche einzurichten und Heimfahrten zu fördern, sind Jugendliche mit „kumulierten Bildungshindernissen“ eine harte Nuss. Im Fall der Berliner Rütli-Schule etwa ist ein gänzlicher Umschwung gelungen. Wie? Durch ein Musical, das mit den Problem-Jugendlichen der Schule eingeübt und aufgeführt wurde. Braun erläuterte, dass allen gelungenen Einzelprojekten eines gemeinsam sei: An ihrer Spitze stehe eine charismatische Lehrerpersönlichkeit, die sich selbst aus ähnlichen Verhältnissen hochgearbeitet habe. Vom Tellerwäscher zum Millionär sozusagen. Das Problem lösen würden ein bis zwei solcher Menschen – bundesweit an jeder Haupt- und Realschule. Gar nicht so einfach.
Bundes-Bildungsbericht: Alle um 20% nach oben
Deutsche Bildungspolitik umfasse natürlich mehr als nur die Sorge für Auszubildende. Eine Zusammenfassung von Analysen und geplanten Maßnahmen beinhaltet auf rund 600 Seiten der Nationale Bildungsbericht. Den Bericht könne man in einem Satz zusammenzufassen: „Wir müssen alle jungen Menschen in Deutschland um 20 Prozent besser qualifizieren.“ Gemeint ist jeder: „Vom bisher Schlechtesten bis zum bisher Besten.“ Steigende Komplexität mache es notwendig, dass Azubis und Studenten sich auf das Niveau der nächst höheren 20 Prozent qualifizierten. Ein weiterer Grund dafür: der verschärfte internationale Wettbewerb. Inzwischen wüsste man überall in der Welt, dass Bildung und Forschung der Schlüssel zum Wohlstand seien. Viele Länder seien auch sehr effektiv, weil nur die Besten gefördert würden, sozial selektiv also. Nicht so in Deutschland: Hier würden alle gefördert – idealerweise eben jeden besser zu qualifizieren. Braun: „Ich glaube, wir sind eine Gesellschaft, die genügend Wohlstand hat, um allen Bildungschancen zu eröffnen. Das ist ein großes Privileg. Kaum ein Land auf der Welt kann das.“
Fazit: Die Gesellschaft muss mitmachen
Der Bildungspolitiker sieht das Land auf einem guten Weg, eine effektive Bildungsrepublik zu werden und zu bleiben. Das geschehe auch dadurch, dass man aus dem demografischen Wandel die Lehre ziehe, dass jeder Einzelne gebraucht werde. Und dass das auch jedem Einzelnen vermittelt werden müsse. Allerdings ginge dies nur, wenn die Gesellschaft das Anliegen Bildung mittrage. Ganz konkret, indem Lehrer wieder wertgeschätzt werden. Oder indem Berufstätige mehr Bereitschaft zum lebenslangen Weiterlernen aufbringen und der jungen Generation Bildungsbegeisterung vermitteln. Dann brauche man sich um die Zukunft Deutschlands keine Sorgen zu machen.
(Quelle: Gießener Zeitung)
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