Als Kanzleramts-Chef ist der CDU-Politiker Helge Braun nun oben angekommen. Im Interview spricht der Gießener über seinen neuen Job und verrät, warum er gerne Toaster repariert.

Herr Braun, entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, aber: Wie geil ist es eigentlich, Chef des Bundeskanzleramts zu sein?
Helge Braun: Die Position ist schon zentral für das Gelingen der Arbeit einer Regierung. Diese Regierung kam unter sehr schweren Bedingungen zusammen, sodass bei mir eine gewisse Hochachtung vor der Herausforderung überwiegt. Aber ich habe schon auch Lust darauf. Ich werde mich mit vielen Themen beschäftigen, insbesondere mit denen, die gerade politisch schwer zu lösen sind.
Ich habe mir angeschaut, für was Sie Verantwortung tragen. Das geht bis zum Bundesnachrichtendienst. Sind Sie sicher, dass Sie das alles machen wollen?
Braun: Ja. Ich habe mir das gut überlegt. Ich kenne das Bundeskanzleramt schließlich seit vier Jahren von innen.
Und was sagt Ihre Frau dazu?
Braun: Sie ist sehr einverstanden. Sie unterstützt meinen politischen Weg ohnehin seit vielen Jahren. Wir haben nicht lange darüber diskutiert.
Was wird der neue Job für Ihr Privatleben bedeuten?
Braun: Durch das ständige Pendeln Gießen – Berlin – Gießen und durch die viele Arbeit, die solche politischen Spitzenämter mit sich bringen, ist das Familienleben und das Zusammensein mit Freunden natürlich stark reduziert. 16-Stunden-Tage sind keine Seltenheit. Vor einigen Tagen war ich mit alten Freunden aus Gießen unterwegs. Wir haben festgestellt: Als ich normaler Bundestagsabgeordneter war, haben wir uns einmal im Monat getroffen, in der Zeit im Bildungsministerium haben wir uns alle zwei Monate gesehen – und jetzt ist es eine Sensation, wenn es einmal im Jahr klappt.
Gibt es Dinge im Privaten, die Sie sich nicht nehmen lassen?
Braun: Wenigstens mal einen Vormittag oder einen Abend am Wochenende brauche ich schon für mich und meine Frau. Dann machen wir etwas ganz Normales, vielleicht grillen, kochen oder auch mal etwas reparieren. Es ist ein Luxus, sich mal nicht mit politischen Dingen zu beschäftigen, sondern mit der Frage, wie bekomme ich den blöden Toaster wieder hin. Das ist schon schön.
Werden Ihre Nachbarn im Südviertel merken, dass sie nun neben dem Chef des Bundeskanzleramts wohnen?
Braun: Ich glaube, viel wird man nicht merken. Natürlich gibt es ein paar zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen, aber ich bin heute auch ganz alleine ins Dach-Café gekommen. Diese persönliche Freiheit möchte ich mir gerne bewahren.
Musste die Bundeskanzlerin Sie lange beknien, damit Sie diesen Job annehmen?
Braun: Wir arbeiten seit vier Jahren sehr eng zusammen und haben täglich Kontakt. Wir haben bei ihr im Büro darüber geredet. Sie weiß, dass ich die generalistische Aufgabe im Kanzleramt sehr gerne mache, daher waren wir uns sehr schnell einig.
Hätten Sie überhaupt Nein sagen können?
Braun: Grundsätzlich schon, aber wenn die Kanzlerin sagt, an der Stelle brauche ich dich, würde es mir sehr schwerfallen, Nein zu sagen.
Sind Sie darauf vorbereitet, dass Sie nun vermehrt im Mittelpunkt stehen werden? Man sagt Ihnen ja nach, dass Sie lieber im Hintergrund wirken.
Braun: Der Chef des Bundeskanzleramts sollte nicht stark in den Vordergrund rücken. Das will ich auch nicht. Ich kenne es aus dem Krankenhaus als Anästhesist. An den Chirurgen erinnern sich alle Patienten, an den Narkosearzt keiner (lacht). Ich war also schon in der Medizin Dienstleister für andere Fachgebiete. Ich finde das gut. Mein Job ist es, Probleme zu lösen, Dinge zusammenzuhalten, Abläufe zu optimieren und für ein gutes Gesamtergebnis zu sorgen. Ich stehe gerne weniger im Rampenlicht als andere, aber ich gebe zu, zuletzt hat das nicht geklappt. Ich war meiner Meinung nach etwas zu häufig in den Medien. Die Journalisten meinten aber, die Leute wollten wissen, wer sie regiere. Ich freue mich, wenn das wieder abnimmt und ich meine Arbeit machen kann.
Haben Sie keine Angst, dass Sie auch mal durch den Kakao gezogen werden?
Braun: Ich versuche meine Arbeit gut zu machen, um das zu vermeiden. Politische Ämter sind immer auf Zeit, und die Schlagzahl der Herausforderungen hat sich mit jeder neuen Legislaturperiode stetig erhöht. Seit ich im Kanzleramt bin, hatten wir die Ukraine-Krise, Ebola in Westafrika und die Flüchtlingskrise. Gerade da haben wir erlebt, dass es für Politiker harten Gegenwind geben kann. Die Flüchtlingskrise hat die Bevölkerung in Deutschland gespalten. Dem einen waren wir nicht humanitär genug, der andere fürchtete sich vor Überfremdung. Wir mussten von beiden Seiten sehr viel einstecken. Der Ton war hart. Damit muss man umgehen. Wir müssen aber zu einer sachlichen und konsensorientierten Diskussionskultur zurückkehren.
Sie haben sich 2013 mit anderen jungen CDU-Politikern in der Gruppe engagiert, die sich CDU2017 nannte. War diese Gruppe nicht ursprünglich gegen die Wiederauflage einer großen Koalition nach der Wahl 2017?
Braun: Nein. Der Anspruch war, die CDU neben einer großen Koalition noch erkennbar zu halten. Auch heute sagen viele, die CDU sei sozialdemokratisiert. Ich verstehe den Eindruck, denn den Menschen fällt es schwer, das, was die CDU will, von dem Kompromiss zu unterscheiden, den man in einer Koalition eingehen muss. Mir ist aber auch in diesen Koalitionsverhandlungen klargeworden, der Vorwurf stimmt nicht. Sonst hätten wir auch nicht so lange streiten müssen. In den großen gesellschaftlichen Fragen gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Wie soll die Krankenversicherung aussehen? Wie hoch wollen wir besteuern? Wir haben mit vielen Kompromissen einen sehr lohnenswerten Vertrag aufgestellt. Das ändert nichts daran, dass Menschen diese Unterschiede nicht wahrnehmen. Unterschiede sind aber wichtig, damit Menschen eine Wahl haben. Wie CDU-Politik aussieht, wenn wir keine Kompromisse mit dem Koalitionspartner und dem Bundesrat machen müssen, wird unsere neue Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer mit Sicherheit herausarbeiten.
Warum ist der neue Koalitionsvertrag gut für Deutschland?
Braun: Einige Beispiele: Beim Thema Digitalisierung sind wir in Deutschland nicht schnell genug. In diesem Bereich haben wir uns viel vorgenommen, um Deutschland wettbewerbsfähig zu machen – bis in den Ostkreis und den Vogelsberg hinein. Das kann nicht warten. Durch die Abschaffung des Solidaritätszuschlags werden wir 90 Prozent der Steuerzahler entlasten. Wir haben ein breites Portfolio zur Stärkung von Familien verhandelt. Aber am dringlichsten ist es, da Europa durch Brexit und Finanzkrise reformbedürftig geworden ist, eine starke Regierung zu bilden. Wenn wir die nicht haben, wird es schwer werden, den Reformprozess im Sinne Deutschlands zu bestreiten.
Mir ist aufgefallen, dass in den letzten Wochen die sozialen Netzwerke voller Debatten aus dem Bundestag waren. Meist hängt das irgendwie mit der AfD zusammen. Hat diese Partei den Bundestag verändert?
Braun: Die AfD hat als neue Kraft sicher zu einer Polarisierung in den Debatten geführt. Ich glaube, das ist beabsichtigt. Mein Petitum ist, das sehr sachlich anzugehen. Ich halte nichts von Ausgrenzung, sondern bevorzuge die Auseinandersetzung mit Argumenten. Manches, was von der AfD kommt, ist natürlich schwer erträglich. Bisher habe ich von dort wenig konstruktive Ideen vernommen. Das muss man deutlich machen.
Das Klima ist nicht nur im Bundestag rauer geworden. Zwischen 2006 und 2018 liegen zwölf Jahre oder drei Fußballweltmeisterschaften. Wie konnten die Sommermärchen-Zeiten so schnell vergehen?
Braun: Im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 hat sich die Wahrnehmung in Teilen der Bevölkerung stark verschlechtert. Wir müssen jetzt unmissverständlich deutlich machen, dass wir unsere Regeln im Verwaltungsvollzug durchsetzen und uns neutral gegenüber jedermann verhalten. Wir haben es geschafft, die Dinge sehr schnell wieder zu ordnen, aber die Herausforderung war riesig. Das hat Menschen irritiert. Wir haben auch im Ausland viele Initiativen ergriffen, damit sich eine solche Krisensituation nicht wiederholt. Die Strukturen sind nachhaltig, jetzt müssen wir zeigen, dass wir die Integration bewältigen und dass die innere Sicherheit bei uns gut aufgehoben ist. Nur so kann es gelingen, dass der gesellschaftliche Konsens, vor allem über Migration und Integration, den wir vor der Flüchtlingskrise hatten, wieder zurückkehrt. Das ist mein Wunsch.
Über die Frage Gutmensch oder Nichtsogutmensch sind zuletzt ganze Freundeskreise zerbrochen.
Braun: Wir dürfen uns nicht mit unversöhnlichen Positionen gegenüberstehen. Die CDU hat die richtige Haltung. Es gibt Grenzen der Fähigkeit des Landes, Menschen von außen sinnvoll zu integrieren. Deswegen arbeiten wir daran, dass deren Zahl nicht zu groß wird. Umgedreht können wir stolz sein, wenn wir Flüchtlinge in nennenswerter Zahl aufnehmen und es schaffen, Bildung und die Arbeit für sie zu organisieren. Wir können hier nicht alle Probleme lösen, wir können uns aber auch nicht frei von den globalen Herausforderungen machen.
Zum Abschluss noch einmal nach Gießen. Helge Braun, Volker Bouffier, Thorsten Schäfer-Gümbel und wenn man so will Frank-Walter Steinmeier. Warum ist Gießen in der großen Politik so prominent vertreten?
Braun: Diese Frage habe ich mir wirklich auch schon häufiger gestellt. Denn es ist schon ein außergewöhnliches Zusammentreffen. Es kann Zufall sein, aber ich hatte schon immer den Eindruck, dass Politik in Gießen intensiver gelebt wird als anderswo. Das Stadtparlament war immer sehr lebendig mit vielen Debatten und Auseinandersetzungen. Vielleicht motiviert das.
Werden wir aus diesem Kreis denn bald einen Kanzlerkandidaten haben?
Braun (schmunzelt): Demnächst nicht, aber wissen kann man das nie.

Gießener Allgemeine

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