"Helge - wer?", fragen selbst Politikkenner bei der Vorstellung des neuen Kanzleramtschefs. "Helge Braun", lautet die Antwort, und seine Unbekanntheit hat System. Der Altmaier-Nachfolger ist ein Macher im Hintergrund - und Merkels Verwandter im Geiste.

"Helge - wer?", fragen selbst Politikkenner bei der Vorstellung des neuen Kanzleramtschefs. "Helge Braun", lautet die Antwort, und seine Unbekanntheit hat System. Der Altmaier-Nachfolger ist ein Macher im Hintergrund - und Merkels Verwandter im Geiste. Für Helge Braun geht es aufwärts. Bisher stand sein Schreibtisch in der 5. Etage des Kanzleramtes, künftig arbeitet er zwei Etagen darüber, nur wenige Schritte vom Büro der Bundeskanzlerin entfernt. Angela Merkel hat den 45-jährigen Hessen zum Chef des Kanzleramtes erkoren. Wie sein Vorgänger Peter Altmaier, der nun als Minister ins Wirtschaftsressort wechselt, ist Braun ein Vertrauter der CDU-Chefin. Vier Jahre lang war er als Staatsminister bei der Kanzlerin auch für die Bund-Länder-Beziehungen zuständig.
Merkel soll das Wirken Brauns in den Koalitionsverhandlungen besonders gut gefallen haben - gemeinsam mit der designierten Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär von der CSU, leitete er die Arbeitsgruppe Digitales. Auch künftig soll er nach dem Willen der CDU das auf zahlreiche Ministerien verteilte Zukunftsthema bündeln, neben der zeitraubenden Arbeit als Regierungsmanager.

Ein neuer Friedrich Bohl

Als "ChefBK" leitet Braun eine Machtzentrale mit rund 600 Mitarbeitern und einem aktuellen Jahresetat von 2,9 Milliarden Euro. Der Kanzleramtschef koordiniert die Regierungspolitik, steht im Austausch mit den Ministerien, mit dem Bundestag und den Bundesländern. Gibt es Zoff, muss Braun schlichten. Wer Braun bei den Morgenlagen mit der Kanzlerin erlebt hat, weiß seine Zuverlässigkeit zu schätzen: "Immer solide, sehr freundlich und umgänglich, sehr klar und stark mit seinen Argumenten", sagt jemand, der ihn gut kennt und dem Hessen wohlgesonnen ist.
Aber es gibt auch einen wichtigen Unterschied zu Altmaier: Braun liebt es, im Hintergrund zu wirken. "Er ist nicht der Talkshow-Typ - für die Managementaufgabe als Kanzleramtschef genau der Richtige", heißt es in der CDU. Manche sehen ihn schon als "Reinkarnation des Kanzleramtsministers" vom Typ Friedrich Bohl, der von 1991 bis 1998 als Bundesminister für besondere Aufgaben Chef des Kanzleramts von Helmut Kohl war. Als akribischer Generalist wird Braun in diesem Zusammenhang beschrieben.
Einer breiten Öffentlichkeit ist Braun bislang unbekannt, dabei wirkt der Hesse schon länger im Berliner Politikbetrieb. 2002 kam er erstmals in den Bundestag, das Direktmandat holte damals allerdings der SPD-Mann Rüdiger Veit, mit dem er sich bei Wahlen immer wieder duellierte. Bei der vorgezogenen Neuwahl 2005 kam Braun nicht ins Parlament. 2009 konnte er Veit das Direktmandat abjagen, ebenso 2013. Auch 2017 gewann Braun mit den meisten Erststimmen.

Vertreter einen neuen Generation

Von 2009 bis 2013 war Braun an der Seite von Ministerin Annette Schavan Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium. Nach der Bundestagswahl vom 24. September war Braun an den Jamaika-Sondierungen und später bei den Verhandlungen mit der SPD beteiligt und gab gelegentlich auch Statements ab. "Helge - wer?", fragten einige Medien.
Als Staatsminister seit 2013 und Flüchtlings-Krisenmanager ab Herbst 2015 agierte er abseits der Kameras. Der frühere Job als Anästhesist hilft noch heute. "Egal was: Die Leute, die sehr schnell nervös werden - das gilt bei einer politischen Herausforderung wie bei einer Situation im OP - das führt zu schlechteren Entscheidungen." Nun rückt Braun noch näher an die Kanzlerin.
Seine Benennung ist auch ein Zeichen für die Verjüngung der CDU. Immerhin befinden sich vier der sechs von Merkel benannten Minister in der Altersspanne von Ende 30 bis Mitte 40, Braun selbst hat mit 45 Jahren womöglich noch ein halbes Politikerleben vor sich.

"Pragmatisch wie Merkel"

Sein Werdegang hätte Braun auch dafür prädestiniert, Bildungs- oder Gesundheitsminister zu werden. Jedoch hat er an der Rolle des Generalisten Gefallen gefunden. "Deshalb ist die neue Position als Chef des Bundeskanzleramtes meine Wunschaufgabe", sagte Braun seinem Heimatblatt, dem "Gießener Anzeiger".
In Gießen wurde er geboren, machte Abitur und studierte Humanmedizin. Am Uni-Klinikum arbeitete er als Anästhesist und Notfallmediziner. Parallel engagierte sich Braun früh in der Politik, mit 17 Jahren trat er in die Junge Union ein, kurz darauf in die CDU. Dem CDU-Kreisverband, den er seit 2004 führt, will er weiter vorstehen, am 9. März wird der Kreisvorstand neu gewählt.
Wenn es die rare Zeit zulässt, ackert er mit seiner Frau Katja gern im Garten, trifft Freunde und kauft auf dem Wochenmarkt ein. Auch hessische Weggefährten schätzen seine ruhige Art. Sein Stellvertreter im Bezirksvorstand der CDU Mittelhessen, Marian Zachow, sagt: "Helge ist völlig unideologisch, ganz im positiven Sinn. Ich glaube, Merkel und Braun ticken beide ähnlich pragmatisch." Bezeichnend war sein Tweet nach dem Ja der SPD-Parteibasis zur GroKo: "So, ran an die Arbeit."
Quelle: N-TV

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