GIES­SEN. Ge­win­ner und Ver­lie­rer in der eu­ro­päi­schen Wirt­schaft, ein kos­ten­lo­ses In­ter­rail-Ti­cket zum 18. Ge­burts­tag oder der eu­ro­päi­sche Um­gang mit der Flücht­lings­kri­se – das wa­ren nur ei­ni­ge der The­men, die in der Eu­ro­pa­de­bat­te des Stadt­schü­ler­ra­tes dis­ku­tiert wur­den. Gut 80 Schü­ler wa­ren in der Kon­gress­hal­le zu­sam­men­ge­kom­men, um sich im Rah­men der Eu­ro­pa­wo­che mit drän­gen­den Fra­gen im eu­ro­päi­schen Kon­text zu be­schäf­ti­gen. Pro­fes­sio­nel­len In­put er­hiel­ten sie da­bei durch Staats­mi­nis­ter Hel­ge Braun (CDU) und den SPD-Par­tei­be­auf­trag­ten für Eu­ro­pa, Udo Bull­mann.
„Wenn wir Eu­ro­pa zu­sam­men­hal­ten wol­len, müs­sen wir uns ge­gen­sei­tig ver­ste­hen“, mahn­te Braun. Da­zu ge­hö­re auch, sich in die La­ge an­de­rer Län­der zu ver­set­zen. Nur so kön­ne man nach­voll­zie­hen, wes­halb sie rea­gie­ren, wie sie rea­gie­ren. Spa­nien bei­spiels­wei­se ha­be durch die ho­he Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit gu­te Grün­de ge­habt, we­ni­ger Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men, als die Bun­des­re­pu­blik. „Wir dür­fen kei­ne Fron­ten auf­bau­en, son­dern müs­sen wech­sel­sei­ti­ges Ver­ständ­nis fü­rei­nan­der ha­ben“, so Braun.
Zwei Wo­chen vor dem Bre­xit-Vo­tum sei er in Groß­bri­tan­nien ge­we­sen. Was die Wäh­ler dort ver­un­si­chert ha­be, sei ei­ne ver­meint­li­che Über­re­gu­lie­rung der EU, die ih­nen Ge­set­ze vor­schrei­be. Man müs­se den Men­schen da­her Eu­ro­pa bes­ser er­klä­ren, denn nichts wer­de von Brüs­sel al­lei­ne ent­schie­den. Kei­ne Il­lu­sio­nen macht sich der Mi­nis­ter an­ge­sichts der Zu­kunft Groß­bri­tan­niens: „Der Bre­xit wird kom­men.“ Das be­deu­te je­doch auch, dass Groß­bri­tan­nien auf die An­nehm­lich­kei­ten der Ge­mein­schaft ver­zich­ten müs­se. Denn „wer die Pflich­ten nicht wahr­neh­men will, darf Rech­te wie die Frei­zü­gig­keit der Wa­ren nicht mehr ha­ben“. Am En­de der Bre­xit-De­bat­te wer­de es je­doch kei­ne Ge­win­ner ge­ben. Auch die EU müs­se sich fra­gen, wie sie in Zu­kunft wei­ter zu­sam­men­ar­bei­ten wol­le. „Ein­fach wei­ter wie bis­her, das klappt nicht“, ist Braun über­zeugt. Mög­lich sei da­her, Eu­ro­pa noch en­ger zu­sam­men­zu­brin­gen oder aber sich in der EU nur noch auf das Nö­tigs­te zu be­schrän­ken.
Dass sich et­was än­dern muss, sieht auch Bull­mann so: „Bit­te den­ken Sie kei­ne Se­kun­de, dass die Ge­schich­te ein­fach so wei­ter läuft. Eu­ro­pa kann schei­tern.“ Die meist ge­hass­ten Per­so­nen im fran­zö­si­schen Wahl­kampf sei­en An­ge­la Mer­kel und Wolf­gang Schäu­ble ge­we­sen, und zwar über­grei­fend in al­len po­li­ti­schen La­gern. Doch wo­ran liegt das? „Die deut­sche Wirt­schaft brummt und die Un­ter­schie­de zwi­schen den Län­dern wer­den im­mer grö­ßer“, so Bull­mann. Das sei ei­ne „fa­ta­le Si­tua­ti­on“ – denn oh­ne Ge­rech­tig­keit und aus­rei­chen­de Chan­cen für Ar­beits­su­chen­de wer­de Eu­ro­pa nicht län­ger funk­tio­nie­ren kön­nen.
Dass auch die Bürg­er­ini­tia­ti­ve „Pul­se of Eu­ro­pe“ trotz ih­rer pro-EU-Kund­ge­bun­gen der Uni­on nicht un­kri­tisch ge­gen­über steht, räum­te Te­vin Pet­tis ein. „In der EU muss ei­ni­ges ver­än­dert wer­den“, sag­te der Stu­dent, der zu den Or­ga­ni­sa­to­ren des Gie­ße­ner Ab­le­gers ge­hört. Doch bie­te die EU auch zahl­rei­che Vor­tei­le – von den Po­pu­lis­ten wür­den je­doch le­dig­lich die Nach­tei­le an­ge­pran­gert.
„Für euch ist die EU selbst­ver­ständ­lich“, sag­te Stadt­rä­tin As­trid Ei­bels­häu­ser an die Schü­ler ge­rich­tet. Der Bre­xit, „das was nie­mand für mög­lich ge­hal­ten hat­te“, ha­be ins­be­son­de­re die Jun­gen fas­sungs­los und kons­ter­niert zu­rück­ge­las­sen. Es ge­be mitt­ler­wei­le in vie­len Län­dern Strö­mun­gen, „die das Rad zu­rück­dre­hen wol­len“, so­wie Ab­schot­tung und Na­tio­na­lis­mus pre­dig­ten. Die Stadt­rä­tin er­in­ner­te da­her an die Be­son­der­hei­ten der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Auch sei es kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass nur zwölf Jah­re nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit den Rö­mi­schen Ver­trä­gen der Grund­stein für die heu­ti­ge Ge­mein­schaft ge­legt wur­de.
(Quelle: Gießener Anzeiger)

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